Wohnwagen-Camping mit dem Tesla Model X

Nichts ist lästiger als aufräumen. Das gilt auch für einen Wohnwagen. Aber das kann man in etwa 5.2 Sekunden erledigt haben:

Voll auf das Strompedal treten, 5.2 Sekunden (bis 100 km/h) warten und dann wieder sanft abbremsen. Danach einfach die Klappe hinten am Wohnwagen aufmachen, ausräumen, fertig. Es liegt garantiert nix mehr lose im Wohnwagen rum.

Es ist einfach unglaublich, wie sehr das Drehmoment des Model X vergessen lässt, das man eine ganze Wohnung hinter sich herzieht.

Für alle die es eilig haben das Fazit: Wohnwagenferien mit Model X sind super, machen schon auf der Fahrt Spass und Reichweitenangst ist kein Thema: Campingplätze haben immer Strom auf jeder Parzelle, bisher sogar gratis.

Verbrauch über die Alpen bei etwa 45 kWh/100km, also etwa Faktor 2x Stromverbrauch im Anhängerbetrieb oder eben halbierte Reichweite.

Wer es genau wissen will, mehr über den Stromverbrauch wissen möchte und auch die Nachteile erfahren will, liesst einfach unten weiter.

Kurzer Stop am Walensee (CH)

Technisches über die Anhängerkupplung

Für damals 800 CHF Aufpreis habe ich die Anhängerkupplung für mein Model X mitbestellt. Inzwischen ist die AHK Standard.

Laut Handbuch kann das Model X auf der Kupplung direkt 54 kg transportieren. (Fahrradträger / Gepäckbox etc).

Spannend ist aber die maximale Anhängerlast von 2250 kg bei 90kg Stützlast. Damit kann man schon ordentliche, 2-achsige Wohnwagen, mehr schon 2-Zimmerwohnungen, ziehen. Zum Vergleich, unser Dethleffs c’go 495-QSK wiegt nur 1360 kg,  die “unten rechts” Version auf der Dethleffs Website, der 760 DR bringt nur 2200kg auf die Waage. Mehr geht bei Dethleffs nicht.

unser C’go 495 für die Reise

Kurzum, irgendwann wollte ich die Anhängerkupplung mal aus ihrer schönen Verpackung entnehmen, montieren und benutzen.

Bei der Erstmontage musste dann WD40, kein kleiner Hammer und doch etwas Geduld ran, bis die Kupplung sauber verriegelt am Fahrzeug montiert war. Inzwischen lässt sie sich ohne hingucken mit einer Handbewegung – click – montieren. 10 Sekunden. Aber das erste mal war harzig.

Das Model X hat den “modernen”, 13-poligen
Steckverbinder, der auch den Wohnwagen mit Strom versorgen kann. Der Kühlschrank läuft damit auch auf der Fahrt via Strom, statt z.b. mit Gas, was wir e-Auto-Fahrer ja gar nicht begrüssen würden. Und bei der Ladepause zwischendurch sind auch die Steckdosen und Lampen verfügbar, ohne das man die sehr teuren “Wohnwagen-Autonomie-Pakete mit separater Batterie” kaufen muss. Das spart nicht nur Geld sondern auch kostbare Zuladung und dem Teslaakku sind die paar Watt, die der Wohnwagen braucht, herzlich egal.

Beim Ankuppeln bewährt sich die Rückfahrkamera, die millimetergenaues anfahren ermöglicht. Noch cooler natürlich via “Summon”, aber das spart man sich für die Show auf dem Camping-Platz  auf – ich denke das Feature ersetzt sogar die “Mover” am Camper, da man von Aussen das Gespann rangieren kann.

Mit der einstellbaren Luftfederung kann man tatsächlich stressfrei alleine einen Anhänger kuppeln und sobald verriegelt, kann es dann ja los gehen:

Fahren

Was soll ich sagen. Wenn man mal kurz vergisst, das man einen Wohnwagen hinten dran hat – bei der Leistung / Drehmoment vergisst man das schnell mal, dann hat man eher das Interieur des Wohnwagen umgeräumt und aus seinen Verankerungen gerissen, als dass dem Zugfahrzeug die Puste ausgeht.

Im normalen Fahrbetrieb bemerkt man den Wohnwagen wirklich nicht, bergauf ist man mit erlaubter Vmax dabei und bergab ebenso… Fahrwerk und Schwerpunkt vom Model X sind super.

An den Ampeln ist man mit Gespann genauso spritzig unterwegs wie ohne und auf den schönen Bergpässen zieht man locker mit Vmax an allen LKWs vorbei, sofern erlaubt.

Wirklich schade ist, dass der Autopilot im Anhängermodus deaktiviert ist, lediglich der Tempomat funktioniert. Aber gerade bei (in der Schweiz) erlaubten 80 km/h wäre der AP ein Segen.

Reichweite

Mein Model X 75D hat laut Anzeige 318km, wobei ich immer mit mindestens 250 “echten” Kilometern rechne. Mit Anhänger sind das bei Fahrten über die Alpen noch “echte” 125-150km. Ich gebe zu, das ist nicht super-dolle, benötigt etwas Planung und 16h in einem Rutsch nach Süd-Italien sind nicht drin.

Dafür wird auch ein bisschen der Weg das Ziel und das ist bei Camper-Ferien ja auch nicht so verkehrt.

Man könnte sich tatsächlich bei der Reichweite an den Superchargern entlang-hangeln, aber auf der anderen Seite haben Camping-Plätze immer Strom auf jeder Parzelle, somit ist das Aufladen auch einfach geregelt.

Strom an jeder Parzelle. Das Paradies für e-Autofahrer (Hier sogar aus eigener Solaranlage)

Hier der Bonus der early Adopter:

Ich war auf jedem Campingplatz der erste mit Elektro-Auto und von daher hat in unserem Falle auch keiner den “Strom-in-Standmiete-inklusive-Tarif” hinterfragt. Ich denke, dass ist eine Frage der Zeit bis das die Campingplatzbetreiber bemerken, aber bis dato ist auch der Strom für die Reise sozusagen “gratis” oder eben im Stellplatz inklusive.

Lustige Anekdote: Auf einem beliebten Campingplatz vor der Alpenüberquerung sind wir ein Wochenende nach dem Schneechaos im Frühling angekommen. Der Betreiber hat uns noch lebhaft Erzählt, wie die Verbrennerfahrer mit leerem Tank, voller Blase, verfroren, hungrig und verzweifelt bei ihm eingefallen sind, da das fossile Fahrzeug 6h im Stau verreckt ist.

Da musste ich an meinen Artikel “Wenn das alles E-Autos wären” denken, der vorrechnet, wie lange ein e-Auto im Stau stehen kann, bis der Saft ausgeht.

Für die Zahlenfans unter uns:

Abfahrt mit 95% SOC, 116km Distanz, der Bordcomputer schätzt 48 % SOC bei Ankunft – Das ist ja jedem klar, das die Vorhersage nicht stimmen wird.

Abfahrt mit 95 SOC, 116km Distanz, der Bordcomputer schätzt 48 SOC bei Ankunft – Das ist ja jedem klar, das die Vorhersage nicht stimmen wird.

Hinter Göschenen, kurz vor der Passhöhe werden noch 60 km Restreichweite geschätzt, bei einem exorbitanten Energieverbrauch von 537 Wh/km. Klar. die 1.3t Anhänger wollen auch auf die 2107 m.ü.M. hoch gezogen werden.

Hinter Göschenen, kurz vor der Passhöhe

In Tenero im Tessin angekommen haben wir noch 25% SOC, was ungefähr 45 km “echter” Reichweite mit Anhänger entspricht.

Die Statistik über die Alpen:

122km Distanz, 45.3 kWh verbraucht, bei einem Schnitt von moderaten 37kWh/100km.

Man kommt also auch mit dem kleinsten Model X mit Wohnwagen problemlos über die Alpen.

Die Statistik über die Alpen

Tesla Supercharger mit Anhänger

Kurz: Geht. Meistens. Entweder es hat inzwischen separate Supercharger, die man auch problemlos als GEspann anfahren kann, oder – wenn nicht viel los ist, kann man kreativ laden, ohne abkuppeln zu müssen.

Wir mussten auf unserer ganzen Reise nicht ein einziges mal zum Laden abkuppeln, hat jedes Mal problemlos mit Gespann funktioniert.

Laden am Supercharger mit Gespann – kein Problem

Auf dem Rückweg, mit mehr Erfahrungen zum Thema Stromverbrauch, haben wir es mal krachen lassen:

Einmal alles, bitte

Wie erwartet kann man den Verbrauch mit seinem Fahrstil – trotz Anhänger – beeinflussen. Unter Berücksichtigung der Verkehrsregeln denke ich, sind 43.6 kWh/100 das erreichbare Maximum bei 1.3t Anhängelast.

Wie man alles falsch machen kann, lesen sie hier

Ich kann mich herrlich aufregen über Artikel z.B. aus der Zeitschrift Caravaning:

Da fährt einer das erste mal in seinem Leben e-Auto, leiht sich einen Tesla, -soweit ein sehr löblicher Anfang – hängt da seinen 1.4t Wohnwagen dran und staunt auf der Fahrt über die Alpen über den hohen Stromverbrauch, den der Bordcomputer ja ach-so-falsch berechnet.

Dann treibt man es auch noch auf die Spitze, bleibt liegen, läd an fragilen Leitungen mit Vollstrom (das kann man auch für DAUs mit einem Click im Display einstellen), haut sie Sicherung raus, muss das Model X Fremdstrombeleben und stellt dann fest, dass Model-X und Wohnwagen wohl nicht so cool ist.

Wenn man sich nicht auf was Neues einlassen möchte, soll man es lassen. Oder diesen Blog lesen und sich auf das Neue einlassen und einfach die angezeigte Reichweite halbieren und sich am entspannten, kraftvollen Fahren und dem gratis “Treibstoff” erfreuen.

Warum hat die Autovermietung den armen Mann offensichtlich nicht informiert? Oder warum – wenn er schon das Experiment für eine Zeitung wagt – hat er sich nicht selber informiert? Übrigens verbrauchen auch fossile Fahrzeuge im Anhängerbetrieb mehr Energie und das Thema “Reichweite beim e-Auto” ist ja nun wirklich bei jedem angekommen.

Ich meine, es ging doch genau um das Experiment e-Auto mit Anhänger in dem Artikel. Ich finde es bedauerlich, dass damit bei der breiten Leserschaft – die Zeitschrift hat sicher mehr Reichweite als mein Blog – mal wieder der Eindruck ensteht, dass mit dem e-Auto klappt irgendwie nicht. Und das erlebe ich nun seit knapp 70.000km einfach anders.

Was man dem Redakteur lassen muss: Er hat sein Fazit ambivalent gezogen, freut sich über die elektrischen Fahreigenschaften und die von ihm gefühlten Einschränkungen verschwinden, sobald er die Tatsache mit dem erhöhtem Energieverbrauch akzeptiert hat.

Mein Fazit

Für uns war die Reise ein voller Erfolg, keine Einschränkung in der Routen-Planung, die Pausen auf der Route kann man gut im Wohnwagen zum Essen nutzen und wir werden das bald wieder machen.

Model X und Wohnwagen, Camping-Urlaub mit Elektroauto: Eine schöne, Kombination für einen entspannten, CO2-neutralen Urlaub.

5 thoughts on “Wohnwagen-Camping mit dem Tesla Model X”

  1. Hallo Morel, vielen Dank für diesen interessanten Bericht, dein Schreibstil gefällt mir sehr gut, bisher kenne ich dich ja nur aus dem Cleanelectric Podcast.

    Neulich hatten wir über die Stromversorgung des Wohnwagens bei Standzeiten am Auto, z.B. bei der Ladepause aber auch bei der Übernachtung, diskutiert und überlegt, wie die Stromversorgung ist.
    In deinem Artikel hast du gesagt, dass man sich die teuren Autarkiepakete sparen kann, weil der Wohnwagen während der Fahrt aber auch bei der Ladepause mit Strom vom Fahrakku versorgt wird.

    Bedeutet dies, dass man rein theoretisch so lange der Wohnwagen angekuppelt ist die Energie aus dem Fahrakku entnehmen kann, z.B. auch wenn man eine Nacht frei stehen will und keinen Landstrom hat?

    Welche Systeme im Wohnwagen sind dann mit Strom versorgt?
    Ist es, wie ich vermute nur das 12-Volt-Bordnetz mit Kühlschrank und Beleuchtung oder auch das 230-Volt-Netz, so dass ich meinen Laptop an der 230-Volt-Dose laden könnte?

    Viele Grüße Dirk vom E-Auto-Vlog

    1. Danke für das Kompliment zum Schreibstil und Podcast. Macht mir auch beides viel Spass. Zu Deiner Frage: Kurz, ja.
      Der Stromfluss der Wohnwagenstromversorgung ist: Teslafahrakku läd Tesla 12V System. Dieses speist über den “modernen” Anhängerstecker das 12V Wohnwagensystem. Ab hier kommt es natürlich sehr auf Deinen Wohnwagen an, was da so dranhängt, aber sobald ein 12V->230V Wandler eingebaut ist, funktioniert auch der Laptop an der 230V Wohnwagensteckdose.

  2. Toller Bericht für alle MX Fahrer die an Wohnwagen denken. Kompliment! Ich fahre ein MX Black Obsidian P100D seit 6 Jahren und bin MEGA zufrieden. Ich spare jedes Jahr Euro 5000.- an nicht mehr notwendigen Treibstoffkosten und reise überall in Europa dank unlimited Supercharging ohne Kostenfolge…
    Wenn ich noch immer bei Passüberfahrten all die Petrolheads sehe die ihren Camper mühsam hochschleppen überkommt mich trauriges Mitleid…..

    1. Danke für das positive Feedback – Was die PAssüberfahrten betrifft: Jetzt stell Dir noch vor, wir hätten e-Auto-Rekuperationsoptimierte-Anhänger-Deichseln… Hätte es das Patent nicht schon gegeben, hätte ich es geschrieben.

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